Interview mit Kurzdarmpatient Andreas Tabbert / Teil 1 – Krankengeschichte

Interview: Jana Seeger
Fotografie: Andreas Tabbert

 

Ein Gespräch mit Andreas Tabbert, der lernen musste, mit dem Kurzdarmsyndrom (KDS) zu leben und zu arbeiten, zu verreisen, Sport zu treiben. Nichts war mehr wie es war.

Teil I: Krankengeschichte

Der 58jährige Andreas Tabbert ist verheiratet und lebt mit seiner Frau und Hund Timmy im Hochtaunus in einem Haus mit wunderschönem Garten. Er liebt gutes Essen, genießt Abende mit Freunden im Restaurant, bereist gerne die Welt, treibt Sport und kümmert sich leidenschaftlich um den großen Garten. Vor sieben Jahren, im Jahr 2015, veränderte sich sein Leben schlagartig von einem Tag auf den anderen.

Jana Seeger: Herr Tabbert, mögen Sie Ihre Geschichte erzählen?

Andreas Tabbert: Ja gerne, dafür muss ich ein wenig zurück schwenken. Im Alter von 16 Jahren habe ich am letzten Tag vor den Sommerschulferien eine große Tüte Sauerkirschen gegessen. Daraufhin bin ich am nächsten Morgen mit einem Darmverschluss ins Krankenhaus eingeliefert worden. Durch die aktive Tätigkeit des Darmes hatte sich eine Schlinge vom Darm um ein Divertikel gezogen und sich selbst abgeschnürt. Dann bin ich operiert worden, und das ging relativ gut. Nach 3 Wochen war ich wieder aus dem Krankenhaus und habe bis 2015 nie wieder etwas damit zu tun gehabt. Doch dann ging es mir eines Tages plötzlich schlecht und es ging rapide abwärts. An einem Samstag bin in die Notaufnahme gefahren. Dort wurde ich mit den Worten: „Wenn Sie selber in die Notaufnahme fahren, kann das ja schon kein ernster Fall sein“ empfangen. Der ärztliche Notdienst hat mir eine Infusion verpasst und mich nach Hause geschickt mit dem Rat, mich Montag beim Hausarzt vorzustellen. Es wurde nicht besser und meine Schwester, die Ärztin ist, kam zu mir nach Hause. Sie hat mir zwei Mal auf den Bauch gedrückt und gesagt: „Du musst sofort ins Krankenhaus“ und mich in ein andere Klinik geschickt. Dort wurde mir Blut abgenommen, und dann passierte nichts mehr. Zwei Stunden haben wir gewartet, dann erkundigte sich meine Frau bei einem Pfleger, der in die Laborwerte schaute. „Sie haben schlechte Werte! Aber wir haben jetzt leider keinen Arzt zur Verfügung. Sie müssen weiter warten“. Daraufhin sind wir mit der Kanüle im Arm und dem Ausdruck der Labortwerte in das eingangs erwähnte Krankenhaus gefahren. Hier wurde ich nun sofort aufgenommen, untersucht, und es stellte sich heraus, dass ich einen Darmverschluss hatte. Ich musste sofort in den Not-OP. Mittlerweile war es 2 Uhr in der Nacht. Ich habe danach knapp 14 Tage im Krankenhaus gelegen und hatte dabei keinen Stuhlgang. Irgendwann war klar, dass ich nochmal operiert werden muss, und es wurde dramatischer. Ich kam auf die Intensivstation, hatte in zwei Tagen drei Operationen. Die waren alle lang und umfangreich – mit dem Ergebnis, dass nur noch 85 cm Dünndarm gerettet werden konnten und 1/3 vom Dickdarm entfernt werden mussten. Ich hatte 15 kg Gewicht verloren und stark abgebaut. Dennoch hat man mich aus dem Krankenhaus entlassen, ohne dass sich um eine weitere Versorgung gekümmert wurde. Ich erzähle das so ausführlich, weil dieses Ereignis meine Motivation war, eine Webseite zu gestalten, um Menschen mit ähnlichem Schicksal, Unterstützung zukommen zu lassen. Meine Frau hat über Internetrecherchen herausrausgefunden, wer sich damit beschäftigt, hat die entsprechenden Ärzte und Ärztinnen kontaktiert. Also für jemanden, der mit der Diagnose Kurzdarmsyndrom aus dem Krankenhaus entlassen wird, ist das eine große Katastrophe. Man hat keine Versorgung, man bekommt nichts zu essen, man würde im Prinzip verhungern.

Wie hat das Kurzdarmsyndrom Ihre berufliche Laufbahn beeinflusst?

Ich bin bei der deutschen Börse im Bereich IT angestellt. Damals, als mich das Kurzdarmsyndrom erwischt hat, war ich selbständiger Berater; das ging mit der Erkrankung nicht mehr. Aber ich hatte das Glück, dass mich mein damaliger Auftraggeber als internen Mitarbeiter gewinnen wollte und fest anstellte. So habe ich Anspruch auf Lohnfortzahlung, wie es in der Selbstständigkeit nicht der Fall war. Ab dem Tag, an dem ich ins Krankenhaus gekommen bin, habe ich keinen einzigen Euro mehr verdient. Da ich zu dem Zeitpunkt der einzige Verdiener im Haushalt war, ist es dann mit Null Einkommen ein heftiger Einschnitt.

Was hat Sie im Alltag aufgebaut und zuversichtlich gemacht?

Unser Hovawart Rüde Timmy war mir nach dem Krankenhaus eine große Hilfe, um wieder auf Vordermann zu kommen. Als ich entlassen wurde, hatte ich 15 kg verloren, das war alles Muskelmasse. So habe ich es erstmal nur die 50 m bis zum benachbarten Kinderspielplatz geschafft. Ich musste ganz unten wieder anfangen, und es hat viele Monate gedauert, bis ich mit dem Hund mal wieder spazieren gehen konnte. Ich war vorher immer sehr sportlich, war regelmäßig im Fitnessstudio zum Spinning, Rad fahren und im Urlaub. Es war schon ein harter Einschnitt. //

Kurzdarmsyndrom (KDS)

Das Kurzdarmsyndrom (KDS) bezeichnet ein Krankheitsbild, das durch die operative Entfernung (Resektion) oder das angeborene Fehlen großer Teile des Dünndarms entsteht. Die Behandlung und Betreuung von Patient:innen mit KDS stellt eine große Herausforderung für alle Beteiligten dar.

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Website Andreas Tabbert: kurzdarm.info